Ausstellung MORÐ IN DER BIBLIOTHEK

Die Universitätsbibliothek Kiel, die das Sondersammelgebiet Skandinavien betreut, zeigt Kriminalliteratur aus Island im Original und in deutscher Übersetzung aus ihrem Bestand. Diese noch ganz junge Gattung der isländischen Literatur hat in den letzen zehn Jahren einen enormen Aufschwung genommen, Kriminalromane führen die isländischen Bestsellerlisten an und werden mit in- und ausländischen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Auf "Steckbriefen" informiert die Bibliothek über die sehr unterschiedlichen Biographien der wichtigsten isländischen Krimi-Autoren.

Kaum eine literarische Gattung hat Lesehungrige seit rund 200 Jahren so gefangen genommen wie der Kriminalroman, dessen Anfänge bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Das beinahe vollständige Fehlen von Kriminalromanen in der isländischen Literatur bis in die späten neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist erstaunlich. Waren doch die mittelalterlichen isländischen Sagas voll von Blutrache, Betrug, Gier, Mord und Totschlag - genau die Ingredienzien, aus denen der moderne Kriminalroman besteht.

Lange Zeit meinte man offenbar, es gäbe keine Themen, um in Island Krimis zu schreiben. Morde sind äußerst selten auf der Insel, in manchen Jahren gibt es überhaupt keine Tötungsdelikte. Die meisten Gewalttaten geschehen heute im Zusammenhang mit Alkohol oder Drogen. Spannungsromane wurden außerdem in der isländischen Literaturszene lange nicht für voll genommen, sie wurden der Unterhaltungsliteratur zugerechnet - zweifellos einer der Gründe für die fehlende Krimitradition.

Als erste isländische Kriminalgeschichte gilt die Erzählung "Íslenzkur Sherlock Holmes" (Ein isländischer Sherlock Holmes), die der in Kanada lebende isländische Einwanderer, der Lehrer und Schriftsteller Jóhann Magnús Bjarnason (1866-1945), 1910 veröffentlichte. In dieser Geschichte löst ein Amerikaner isländischer Abstammung einen Fall mit den Methoden von Sherlock Holmes. In den darauf folgenden Jahren erschienen gelegentlich Kriminalromane - die meisten unter Pseudonymen - in denen die Verbrecher meist Ausländer waren. Erst um 1970 erwachte die Spannungsliteratur in Island langsam zum Leben, unter dem Einfluss der Bücher des schwedischen Ehepaares Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die in dieser Zeit ins Isländische übersetzt wurden.

Von einer kontinuierlichen Entwicklung des isländischen Kriminalromans kann man eigentlich erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts sprechen. Ein äußerst erfolgreicher Autor, der Ende der neunziger Jahre anfing, Krimis zu schreiben und dafür größte Aufmerksamkeit erhielt, ist der Historiker und Journalist Arnaldur Indriðason (*1961). Er gab seinen ersten Kriminalroman 1997 heraus, "Synir duftsins" (Söhne der Erde), der vom Selbstmord eines Psychiatriepatienten handelt. Wie Arnaldur selbst sagt, war es keine bewusste Entscheidung, einen Thriller zu schreiben, es war eher ein Zufall, dass dieser Roman der Kriminalliteratur zugerechnet wurde. Seitdem hat er jedes Jahr einen Krimi veröffentlicht. Seine Themen sind u. a. das Problem der Landflucht, das Quotensystem im Fischfang, Klonen und Datenschutz im Gesundheitssystem oder Gewalt gegen Frauen. Arnaldurs Romane erfreuen sich großer Beliebtheit in Island und im Ausland. Sein Roman "Kleifarvatn" ("Kältezone") wurde 2004 sogar für den isländischen Literaturpreis nominiert, zum allerersten Mal war ein Kriminalroman unter den vorgeschlagenen Büchern für diesen begehrten Preis. Arnaldurs Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und erreichen besonders in Deutschland hohe Verkaufszahlen.

Inzwischen erscheinen in Island jedes Jahr mehrere Kriminalromane und man kann davon ausgehen, dass diese neue Literaturgattung sich in der isländischen Literatur einen festen Platz erobert hat.

Ausstellungszeit und -ort: 08.01.2008 - 08.03.2008, Universitätsbibliothek, Leibnizstr. 9, 24118 Kiel

http://www.ub.uni-kiel.de/ausstellungen/mord-in-der-bibliothek

 



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