Am 22. September 2008 fand im Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften ein Nordisches Schulseminar statt.

Schule im Norden macht Spaß - aber wie bringt man Schülern etwas bei?

Die Botschaften der Nordischen Länder in Berlin veranstalteten am 22. September vor einem großen Fachpublikum ein halbtägiges Seminar über die Schulsysteme der fünf nordischen Länder; ihre Geschichte, Herausforderungen und mögliche Zukunft. Thema des Tages: "Schule im Norden - Vorbild oder Märchen?".

Kornelia Haugg, Abteilungsleiterin für berufliche Bildung und lebenslanges Lernen im Bundesminsterium für Bildung und Forschung, wies in ihrer Einleitung auf diverse Maßnahmen hin, die die deutsche Bildungspolitk nach dem "PISA-Schock" ergriffen habe. Einige davon orientierten sich an den Nordischen Ländern, wie etwa Bemühungen um eine bessere Kontrolle und die Erhöhung des Anteils der Ganztagsschulen. Nach dem Bildungsgipfel zwischen Bund und Ländern im Oktober und den daraus resultierenden Ergebnissen könnten andere europäische Länder möglicherweise etwas von Deutschland lernen.

Dr. Tobias Werler, Forscher an der Universität Agder, beschrieb einführend den skandinavischen Nationalstaat als Wiege der solidarischen und monokulturellen Schultradition in den nordischen Ländern. Aus der Volksaufklärung, geprägt von einer starken Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ist eine starke Einheitsschule erwachsen, die in allen nordischen Ländern weiterhin im Zentrum der schulbezogenen Bildungspolitik steht.

Im OECD-Durchschnitt liegen die nordischen Länder alle vorn: alle fünf wenden mindestens 6% des Bruttosozialproduktes für Bildung auf, im Vergleich zu 4% in Deutschland. Die Integration fremdsprachiger Kinder funktioniert überdurchschnittlich gut, und die Lehrer - auch Vorschullehrer - haben alle eine hohe akademische Ausbildung. Die Kindergärten und Vorschulen liegen im Allgemeinen in der Zuständigkeit des Bildungsministeriums.

Die abschließende Diskussion des Seminars untersuchte, wie neuen Herausforderungen begegnet und zugleich die hohe Qualität erhaltet werden soll. Ein gemeinsamer Wunsch ist es, die Rolle der Lehrer zu stärken. Nur Finnland sieht zur Zeit keinen großen Reformbedarf. Die Besucher, die unser Felleshus bis zum letzten Platz füllten, beteiligten sich rege an der Diskussion.

Hier folgen kurze Zusammenfassungen der Vorträge:

In DÄNEMARK wurden in den letzten Jahren viele Evaluierungen und einige Reformen vorgenommen. Unter den Lehrern gibt es jedoch auch eine gewisse Reformmüdigkeit, die die Bildungspolitik berücksichtigen muss. Die Kinder gingen gern zur Schule, aber mit dem Lernen hapere es manchmal, so Joern Skovsgaard, Chefkonsulent der Internationalen Abteilung im Dänischen Bildungsministerium. Zukünftige Reformen müssen unter anderem die Klassenzimmerdisziplin aufgreifen. Familien geben die Verantwortung für die Zukunft der Kinder an die Schule ab. Immer weniger dänische Schüler studieren nach ihrem Abitur. Dies liegt an der starken Ökonomie; es ist für junge Leute sehr einfach, gleich nach der Schule einen Job zu bekommen und Geld zu verdienen.

FINNLAND ist nach wie vor das Vorzeigeland im Bereich der Bildungspolitik. Die Lehrer genießen einen hohen Status. Die Schüler mit den allerbesten Noten möchten Lehrer werden, obwohl sie dabei weniger Geld verdienen als zum Beispel in Dänemark oder Deutschland. Die finnischen Kinder haben von ihren Eltern die Erkenntnis geerbt, dass in ihrem Land Bildung das wichtigste Kapital ist. Die Finnen verstehen es vor allem, schwache Kindern sehr früh zu fördern, damit kein Schüler auf der Strecke bleibt. In Finnland werden momentan 80 Millionen Euro in das Projekt einer frühzeitigen Prävention, MOE, investiert, so Pirjo Koivula, Regierungsrätin im Zentralamt für Unterrichtswesen.

ISLAND ist ein kleines Land mit insgesamt 173 Schulen. Dort ist es einfach, Reformen durchzuführen, schwieriger aber zu entscheiden, welche. Im isländischen Schulsystem finden sich Komponenten aus den anderen nordischen Nachbarländern. Es hat sich jedoch gezeigt, dass man auf die eigene Geschichte schauen und verstärkt eigene Lösungen finden muss. Island sei das Land in der Welt, dass am meisten Geld pro Kopf in die Bildung investiere. Weltweit einmalig sei Island auch darin, dass die Mädchen des Landes in allen Schulfächern viel besser abschnitten als die Jungen, erzählte Júlíus K. Björnsson, Leiter des isländischen Instituts für die Evaluierung der Bildung.

In NORWEGEN sei laut Nina Volckmar, Dozentin für Bildungsgeschichte und Bildungspolitik an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens, die Zahl der Dropouts in letzter Zeit drastisch gestiegen. 25% der Schüler führten ihr Abitur nicht zu Ende. In internationalen Tests schneiden die norwegischen Schüler weniger gut ab, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern. Die Intergration von Kindern mit nicht-norwegischer Muttersprache könnte verbessert werden. Allerdings stellt sich auch die Frage, was internationale Tests eigentlich zeigen. Man möchte das System nicht grundlegend ändern, nur innerhalb des Systems die Schulpolitik erneuern. Dabei will man auf die Kompetenz der Lehrer setzen und vor allem von der "Abwarte-Mentalität" in den ersten Kinderjahren zu Gunsten einer früheren Intervention wegkommen.

Die SCHWEDEN dachten bis in die 90er Jahre, das stärkste Schulsystem der Welt zu haben. Die Schulen arbeiteten dezentralisiert und zielorientiert. Dann begannen die Ergebnisse zu schwanken und schwächer zu werden. Zu viele Schüler verlassen heute frühzeitig die Schule. Nach internationalen Vergleichen und einheimischen Untersuchungen hat man nun angefangen, auf alle verbesserungswürdigen Komponenten zu schauen, auf die Schulbehörden und Politiker Einfluss haben. Frühzeitigere landesweite Vergleichsarbeiten sind eine der Maßnahmen. Die Lehrerausbildung attraktiver zu gestalten, eine andere. Aus Schweden nahm der Generaldirektor des Zentralamtes für Schule und Erwachsenenbildung, Per Thullberg, teil.

Die Veranstaltung würde von Sabine Porn, rbb-inforadio, engagiert moderiert.



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