Die Sagas

Die Sagas als isländische Gründermythen

Bei den Sagas handelt es sich um mittelalterliche Prosa-Literatur in isländischer Sprache. Heute überliefert sind vor allem Manuskripte aus dem 13. und 14. Jahrhundert, doch man geht davon aus, dass die Niederschrift der Sagas im 12. Jahrhundert begann. Wesentliches Merkmal der Sagas ist, dass sie trotz ihrer Fiktionalität eine bedeutende Rolle als Geschichtsschreibung und für das Selbstverständnis der Isländer spielen. Kann ihr Wahrheitsgehalt zum größten Teil nicht verifiziert werden, so haben sie in der isländischen Geschichte doch die Rolle von Gründermythen zugeschrieben bekommen.
 
Vorläufer beziehungsweise wichtige Voraussetzung für die Entstehung der Sagas sind dabei zum einen sicher die ins Isländische übertragenen Heiligenlegenden sowie das altisländische Landnámabók, das Landnahmebuch, das einen Überblick verschafft über die norwegischen Siedler in Island. Hinzu kommt, dass sich die isländischen Sagas in das Netzwerk der europäischen mittelalterlichen Texte einfügen, die sowohl miteinander als auch mit der mündlichen Erzähltradition verknüpft sind. Dennoch entstanden in Island, unter dem Einfluss der isländischen mündlichen Erzähltradition, Erzählungen, die sich stark von anderen mittelalterlichen Texten unterschieden.

Die Hauptgruppen: Isländer- und Königssagas

Die Sagas werden ihrem Stoff nach in verschiedene Untergruppen unterteilt; die bekanntesten und sicher bedeutendsten sind dabei einerseits die Isländer- und andererseits die Königssagas. Die Königssagas erzählen die Geschichte der norwegischen Könige. Höhepunkt dieser Sagagruppe mag der Ihnen vielleicht bekannte Snorri Sturluson mit seiner „Heimskringla“ sein.
In der großen Gruppe der Isländersagas, von denen heute etwa 40 Erzählungen erhalten sind, steht meistens das Schicksal eines einzelnen Mannes und seiner Familie im Vordergrund. Sie stellen die sagenhafte Vergangenheit einzelner Familien dar, und zwar ausgehend von einem Stammvater des Geschlechts in Norwegen, über die Übersiedlung nach Island bis zur weiteren Entwicklung bis ins 11. und 12. Jahrhundert.

Die Sagas und ihre Rolle im isländischen „nation-building“

Die Sagas kennzeichnen sich durch eine Erzählweise, die darauf abzielt, trotz eines zum großen Teil fiktiven Stoffes historische Glaubhaftigkeit zu erzeugen. 
Die meist anonymen Verfasser der Sagas sind vermutlich davon ausgegangen, dass sie nicht von einer erfundenen, sondern von einer realen, überlieferten Vergangenheit schreiben. Sie waren wohl der Überzeugung, dass sich die Handlung wahrheitsgetreu an das Leben der Vergangenheit anlehnte, unabhängig davon, wie viel Fiktion ergänzend nötig war, um die Darstellung kohärent zu machen.
Unter diesen Voraussetzungen spielten die Sagas eine nicht zu unterschätzende Rolle im isländischen „nation-building“: Der unbeschriebene isländische Raum wird so mit Bedeutung gefüllt, der Landschaft wird Kultur verliehen. Gleichzeitig können sich die isländischen Familien über diese Art der Genealogie eine Legitimität verschaffen. Die Sagas wurden für die Isländer zu einem Hauptbestandteil ihres kulturellen Gedächtnisses. Dies ist ein wichtiger Grund für die gute Überlieferungslage der Handschriften.

Die Überlieferungslage und die Rolle der Sagas im Ausland

Das gilt dabei nicht nur für die isländische Prosa, sondern auch für die Dichtung. So sind beispielsweise die Heldenlieder des Eddakodex´ die einzige, wenigstens zum größten Teil bewahrte Sammlung alter germanischer Heldenlieder. Richard Wagner nutzte sie als eine Quelle für seinen „Ring des Nibelungen“. 
Möglich war ihm dies, da die alte isländische Literatur in viele Sprachen übersetzt worden ist, darunter auch ins Deutsche. Anlässlich des isländischen Ehrengast-Auftrittes bei der Frankfurter Buchmesse 2011 erscheint die erste Gesamtausgabe der isländischen Sagas.
 


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